Ersthelfer im Rollstuhl

Der Vorstand traf sich vom 18.-19. August 2017 zu einem Weiterbildungswochenende im Schweizer Paraplegiker Zentrum Nottwil. Während am Freitag ein Erste Hilfe-Kurs auf dem Programm stand, widmete sich der Vorstand am Samstag dem Krisenmanagement. 

Bericht aus der Zeitschrift «à jour» von Sirmed:

Wie können Rollstuhlfahrer in Notfallsituationen Erste Hilfe leisten? Eine Konzeptarbeit von Daria Stohler im Auftrag der Sirmed beantwortet diese Frage. Entstanden ist ein spannender Workshop für Rollstuhlfahrer und ihre Begleitpersonen.

Mit klarer Stimme gibt Hanspeter Bieri den Takt an: «… 28, 29, 30. Beatmen!». Der Paraplegiker im Rollstuhl unterstützt eine Fussgängerin bei der Herzmassage eines Bewusstlosen mit Herz-Kreislauf-Stillstand. In der Zwischenzeit hat eine weitere Rollstuhlfahrerin den Defibrillator zur Unfallstelle gebracht. Sie öffnet das Hemd des Verletzten und befestigt die Elektroden an den richtigen zwei Stellen des Brustkorbs. «Achtung: zurücktreten!», ruft Bieri, «… uuund Schock!» Die Szene wirkt echt, obwohl kein Unfallopfer auf dem Boden liegt, sondern eine Übungspuppe der Sirmed. Die Echtheit entsteht dadurch, dass alle Beteiligten hoch konzentriert sind und die Organisation auf der Unfallstelle sich wie von selbst ergibt. Jeder will sein Bestes geben. Das steckt gegenseitig an. So bilden die Helfer ein gut funktionierendes Team, obwohl sie nur zufällig an der Unfallstelle zusammengekommen sind. «Das habt ihr grossartig gemacht!», lobt Kursleiterin Daria Stohler. Sie und Co-Leiterin Barbara Hunziker freuen sich, dass in diesem Pilotkurs alles klappt. Am ersten Erste-Hilfe-Workshop für Menschen mit körperlichen Einschränkungen und deren Bezugspersonen nimmt eine Gruppe des Rollstuhlclubs St. Gallen teil.

Verblüffende Momente

«Wir wussten bis heute nicht, ob sich meine Ideen mit dieser Gruppe umsetzen lassen», sagt Daria Stohler. Die Sirmed-Ausbildnerin hat das Konzept für den Workshop im Rahmen einer Arbeit für den eidgenössischen Fachausweis Erwachsenenbildner entwickelt. Es sollte kein 08 / 15-Kurs werden. Daria wollte etwas entwerfen, was es noch nicht gibt. Entsprechend gross war die Anspannung der beiden Kursleiterinnen: Wie wirken sich die körperlichen Einschränkungen der Teilnehmenden aus? «Am Anfang dachten wir: Das könnte schwierig werden», gesteht Co-Leiterin Barbara Hunziker. «Aber die Gruppe ist sehr offen und hat eine tolle Einstellung. Sie wollen alles ausprobieren und alles genau wissen.» Es ist verblüffend, wie kraftvoll einige Teilnehmer aus dem Rollstuhl heraus die Herzmassage an den Puppen durchführen können, ein Tetraplegiker klettert dazu wie selbstverständlich auf den Boden. Auch heikle Fragen sind kein Problem. Zum Beispiel, wie man beim Drehen eines Bewusstlosen in die Seitenlage mit der Möglichkeit eines Wirbelsäulentraumas umgehen soll. Ein Betroffener antwortet cool: «Ich lebe lieber mit einem Querschnitt weiter, als dass ich auf dem Rücken liegend ersticke.» Daria staunt: «Ich habe bei diesem Thema noch nie eine so unverkrampfte Diskussion erlebt.» Ein eindrücklicher Moment.

Gestärktes Selbstvertrauen

Auch für die Vorstandsmitglieder des Rollstuhlclubs St. Gallen ist der Kurs Neuland. «Wir waren neugierig, wie aktiv wir teilnehmen können», sagt Präsident Hanspeter Bieri. «Aber alle arbeiten voll mit. Und wir haben bereits das Erfolgserlebnis, dass wir gar nicht so hilflos sind, wenn wir in eine Notfallsituation kommen.» Der Sirmed-Kurs vermittelt in kompakter Form das nötige Wissen für den Ernstfall, frischt verblasstes Know-how auf, nimmt die Angst vor Fehlern und stärkt das Selbstvertrauen. Ein eigener Ausbildungsblock schult das gegenseitige Anleiten bei der Reanimation. So können auch Rollstuhlfahrer, deren Kraft oder Mobilität eine Herzmassage nicht zulässt, andere Helfer vor Ort mit Anweisungen unterstützen. Miteinander entwickelt die Gruppe dann Lösungsstrategien, wobei ein Fussgänger jene Teile übernimmt, die der körperlich Eingeschränkte nicht bewältigen kann. Hemmungen bauen die Teilnehmenden auch im Umgang mit dem Defibrillator ab. «Das geht ja ganz einfach!», ist Bieri überrascht. Bis jetzt war das Gerät etwas Fremdes, das eher Furcht einflösste. Nach zwei, drei Anwendungen wird es rasch zum wichtigen Hilfsmittel.

Sicherheit in allen Fällen

Für Kursleiterin Daria verläuft dieser Erste- Hilfe-Workshop bis auf Umstellungen in der Ablauforganisation kaum anders als jene, die sie für Fussgänger anbietet. Als ganz besonders erlebt sie die unverkrampfte Stimmung an diesem Nachmittag: Trotz der konzentrierten Mitarbeit wird viel und ausgiebig gelacht – die Anspannung der Premiere ist auf beiden Seiten schnell verflogen. «Es hat enorm Spass gemacht», bestätigt Hanspeter Bieri in der Schlussrunde. «Ich kann den Kurs anderen Rollstuhl- Clubs nur empfehlen!» Passieren könne schnell etwas. «Und dann ist man nicht hilflos, sondern hat Sicherheit fürs ganze Leben.» Bei den längeren Tageskursen ergänzt Daria den praktischen Teil durch spezifisch auf Querschnittgelähmte zugeschnittene Szenarien. Eine Gruppe ist zum Beispiel mit dem Handbike unterwegs, einer stürzt: Wie können die anderen helfen? So werden verschiedene Fallbeispiele durchgespielt. Wenige Tage nach dem Pilotkurs erhielten Daria und Barbara etliche Anmeldungen für den Folgekurs. Die Mundpropaganda dahinter ist das schönste Feedback für die beiden Sirmed- Ausbildnerinnen.

Text: Stefan Kaiser | Fotos: Beatrice Felder

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